Während in Bückeburg am 27. Januar eine Kundgebung stattfindet, um den Opfern von Auschwitz zu gedenken, arbeitet die Bundesregierung bereits auf Hochtouren für das große Jahr der Jubiläen, namentlich 60 Jahre Grundgesetz und 20 Jahre Mauerfall, um Deutschland unter dem Motto »Freiheit und Einheit« als Musterland der Demokratie und als Friedensweltmeister ordentlich zu feiern.

Das diese feierlichen Anlässe so weit oben auf dem nationalen Speiseplan stehen können, liegt nicht zuletzt auch daran, dass Deutschland und seine Repräsentanten verstanden haben, dass ein Gedenken an Auschwitz unumgänglich ist, um sowohl vollwertige Nation zu werden als auch als solche in der Staatengemeinschaft anerkannt zu werden. Auschwitz wird damit zum Lehrstück, aus dem die nötigen Lehren der Geschichte gezogen worden seien und das Antreten dieses nationalen Erbes zum Wegbereiter einer positiven Geschichtsschreibung mit der das geläuterte Deutschland nicht trotz, sondern wegen Auschwitz als Musterland der Demokratie erscheint.

Uns als antinationalen Linken stellt sich deshalb die Frage wie eine vernünftige Kritik des deutschen Staates im Jahre 2009 auszusehen hat. Und um es offen vorwegzunehmen: Eine Deutschlandkritik, welche anhand von Begriffen wie ›Postnationalsozialismus‹ und vermeintlich ›deutschem Wesen‹ versucht die BRD sowie ›die Deutschen‹ als im Kern noch immer faschistisch zu entlarven halten wir für einen Irrweg in der Tradition der Antifa-Bewegung.
Wo es vielen Antifagruppen nicht möglich ist etwas zur Kritik des Kapitalismus zu sagen ohne dessen ›faschistische Potenz‹ zu thematisieren ist es einigen Antideutschen anscheinend nicht möglich Deutschland zu kritisieren ohne ein auf wundersame Weise seit 150 Jahren im luftleeren Raum fortwirkendes ›deutsches Wesen‹ zu schimpfen.

Statt, wie es leider auch im Aufruf zu der Veranstaltung in Bückeburg anklingt, ein Wesen des Deutschen an und für sich psychopathologisch zu konstruieren bedarf es einer materialistischen Kritik der Nation, die vor allem Kritik am Vergesellschaftungszusammenhang von bürgerlichem Staat und kapitalistischem Weltmarkt sein muss.

Dass Nationalismus in Deutschland, wie in anderen kapitalistischen Staaten massenhaft zu Tage tritt liegt weniger an der ›Wahnhaftigkeit‹ der Nationalist_innen1, als an der objektiven Abhängigkeit des Individuums vom Schicksal ›seiner‹ Nation in der Weltmarktkonkurrenz. Von der Konkurrenzfähigkeit der nationalen Verwertungszone hängen schließlich Bildungschancen, Arbeitsplätze, ökonomisches Wachstum und staatliche Transferleistungen ab.

Die Identifikation mit dem nationalen Kollektiv ist also keine wahnhafte Entscheidung völlig durchgedrehter Individuen sondern unwillkürliche Reaktion auf die grundlegenden Bedrohungslagen bürgerlicher Individualität unter dem ständigen Verwertungsdruck innerhalb kapitalistischer Gesellschaften.
Das Bedürfnis nach einer versichernden Identität antwortet auf die überall greifbare Ohnmacht des Individuums angesichts übermächtiger Konjunkturen der global intensivierten Konkurrenz. Als Projektionsfläche ursprünglicher und daher ›echter‹, krisenfreier Identität gewährt die Identifikation mit der Nation eine trügerische Entlastung von den Krisen und Kränkungen kapitalistischer Vergesellschaftung.

In Europa, einem länderübergreifenden ökonomischen Vergesellschaftungszusammenhang, gleichen sich historisch unterschiedene Begründungsmuster des Nationalen immer mehr an. Weder gilt in Frankreich ein lupenrein ‌›republikanischer‌‹ Nationalismus, der alleine nach Geburtsort und politischem Bekenntnis diskriminiert, noch herrscht in Deutschland derzeit ein ausgeprägt völkisch-rassistisches, an der Ideologie biologischer Abstammungsgemeinschaft orientiertes, Ausschlusskriterium.

Da die Nation aber weiterhin der wesentliche Zusammenschluss bleibt, von dessen Abschneiden in der Weltmarktkonkurrenz die Existenz der Individuen maßgeblich abhängt, ist der nationale Bezug bis jetzt noch keinem ›europaweiten Gesamtnationalismus‹ gewichen. Ob dieser entstehen wird oder nicht hängt maßgeblich davon ab ob Europa sich zukünftig als wirklicher bürgerlicher Staat etablieren können wird.

Wenn Nationalismus also als objektive Gedankenform kapitalistischer Gesellschaften, als unwillkürliche Sehnsucht nach Gemeinschaft und Solidarität im vermeintlich vorpolitischen ursprünglichen ›Kollektiv‹ und im Schutze der Macht des Staates verstanden werden muss, dann ist auch der völkische Nationalismus der Vergangenheit sowie seine noch heute existenten Ausläufer kein ›Zivilisationsbruch‹. Ganz im Gegenteil entspringen sie den strukturellen Krisen und konstitutiven Ohnmachtserfahrungen kapitalistischer Gesellschaften. Nationalsozialismus und Faschismus sind also nicht das ganz Andere der bürgerlichen Gesellschaft, sondern einer ihrer ideologischen Fluchtpunkte.

Wenn die Bundesrepublik also in diesem Jahr sich selbst unter dem Motto »Freiheit und Einheit« feiern wird und versucht mit dieser nationalen Ideologieproduktion weiter Legitimation zu schöpfen, sollte die radikale Linke nicht mit der wenig überzeugenden Phrase kontern, dass sich hinter »Freiheit und Einheit« noch immer der völkische Ruf nach Volksgemeinschaft und ›Großdeutschem Reich‹ verstecke.

Stattdessen ist es an der Zeit die bürgerliche Freiheit und Einheit als falsche Freiheit und falsche Einhit zu verunglimpfen. Als eine Freiheit, die vom Staat nur formell garantiert werden kann, deren politische Ökonomie systematisch Ohnmachtserfahrungen produziert, und einer Einheit, die für die falsche Kollektivität tatsächlich vereinzelter Individuen in der kapitalistischen Konkurrenz, steht.


  1. Wir verwenden in unseren Texten, wenn es um Geschlechtlichkeit geht, den Unterstrich, wie z.B. bei ›Scheisspolizist_innen‹, um die herrschende Zweigeschlechtlichkeit der deutschen Sprache aufzubrechen. So eröffnet der Unterstrich einen Raum für alle, die sich nicht den beiden Polen hegemonialer Geschlechtlichkeit unterordnen wollen. siehe dazu: A.G. Gender-Killer