Am 2. April soll nach Willen von Jens Blecker – Redakteur von Infokriegernews – der dritte „Kongress der unabhängigen Medien“ in Hannover stattfinden. Dieser Kongress scheint damit zum Vernetzungstreffen der „Truther“-Bewegung in Deutschland zu avancieren; einer bunten Gruppe von Blogger_innen und Journalist_innen, die sich selbst zum Ziel gesetzt hat vermeintliche Lügen der Politik und Mainstream-Medien schonungslos aufzudecken. Zum Repertoire dieser Bewegung gehören dabei diverse Verschwörungstheorien von den Anschlägen am 11. September (von Bush inszeniert) bis zu Kondensstreifen von Flugzeugen (in Wahrheit Drogen-Sprühregen). Zur aktuellen Systemkrise sind sich die „Wahrheitssuchenden“ überdies einig, dass die Schuld moralisch verrohte Manager tragen, die stets zocken bis die Schwarte kracht.

Gemein sind den propagierten Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen ihre vermeintlich außerökonomischen und vorpolitischen Erklärungsmuster für tatsächlich politische und ökonomische Ereignisse. So werden die wiederkehrende Erfahrung politischer und ökonomischer Ohnmacht, wie etwa Krieg und Krise, von den Verschwörungstheolog_innen als das Werk gewissenloser Mächte, die für ihre Interessen buchstäblich über Leichen gehen, verklärt. Um der Verschwörer habhaft zu werden wird ganz kriminalistisch nach dem Motto „Cui bono?“ („Wem zum Vorteil? “- Cicero) verfahren, denn wem es vermeintlich nützt, der muss es auch verursacht haben. Dem so ausgemachten Feind wird damit das unterstellt, was unter Bedingungen der kapitalistischen Produktion aber jedem Individuum nahegelegt ist: Die eigene Stellung in der Konkurrenz notfalls durch List und Tücke zu verteidigen. Schließlich kann bereits der Misserfolg sich gegen einen Mitbewerber auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen den eigenen Ruin bedeuten. Diese Sicht, die irgendwelchen Politikern, Managern oder Geheimbünden persönliches Fehlverhalten vorwirft, hinkt aber auch schon deshalb, weil der Kapitalismus ein System unpersönlicher Herrschaft ist in dem sich die ökonomischen Akteure zuallererst nach den Zwängen der Kapitalverwertung richten müssen. Damit greifen Verschwörungstheorien nicht die herrschende Gesellschaftsordnung an, sondern angebliche Geheimlogen, die die Welt beherrschen. Sie verbünden sich mit der bestehenden Gesellschaftsordnung. Wer am Ende die Schuld an der ganzen Misere haben soll ist prinzipiell austauschbar.

Während sich die Truther_innen die Angst vor dem Systemkollaps als Konsequenz der Krise fast komödiantisch als „Mad Max“-Endzeitphantasie ausmalen – Jens Blecker & Co. werben vorsorglich schon mal für Dosenkuchen, Armbrüste und anderen Survival-Schnickschnack – so sind die Verschwörungsideologien in der Raserei gegen ihre Feindbilder weniger zum lachen. Zu deutlich ist die ideologische Ähnlichkeit zum Nationalsozialismus, der auf die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre reagierte und die Ohnmachtserfahrungen des Individuums gegenüber den Konjunkturen des Weltmarktes durch direkte, gewalttätige Herrschaft beantwortete. Die nationalsozialistische Ideologie stellte sich damit gegen die rücksichtslose Suche des Kapitals nach neuen Verwertungschancen. Das Kapital wurde in dieser Ideologie jedoch in „raffendes“, welches von einer gewissenlosen Gier getrieben sei, und „schaffendes“, dass im Einklang mit ehrlicher Arbeit stünde, geteilt. Das „raffende Kapital“ wurde im NS durch „die Juden“ personifiziert, welche rücksichtslos die Weltherrschaft anstreben würden. Diese antisemitische Projektion ermöglichte schlussendlich die systematische Ermordung von sechs Millionen Jüdischer Menschen. Es ist somit auch kein Zufall, dass sich auf so manchen Truther-Blogs Antisemit_innen und andere völkisch Verwirrte tummeln.

Verschwörungstheorien gilt es als falsche Welterklärungsmodelle zu entlarven und die Einteilung der Welt in gut und böse zurückweisen.

Die Verschwörung heißt Kapitalismus!
Gegen Truther und ihre reaktionären Ideologien!