Krieg den deutschen Zuständen

Wir sind heute hier, um der Agnes-Miegel-Gesellschaft zu zeigen, dass wir sie scheiße finden. Warum das so ist, ist an dieser Stelle schon erläutert worden, da gibt es viele gute Gründe. Das Schlagwort an dieser Stelle ist »Geschichtsrevisionismus« – aber was ist das genau? Und wer reproduziert das und warum?

Geschichtsrevisionismus heißt generell, dass irgendjemand historische Tatsachen verdreht, um die Sicht der Dinge ein wenig (oder meistens ein wenig mehr) dem eigenen Weltbild oder bestimmten politischen Zielen anzupassen. Das kann bewusst passieren oder auch ganz unbewusst – anzugreifen ist in jedem Fall beides. Wir reden aber nicht von irgendwelchen Leuten, die aus irgendwelchen Gründen irgendwelche Dinge erzählen; wir reden hier von Deutschen, die endlich wieder einfach stinknormale Nationalist_innen1 sein möchten und genug davon haben, ständig die »Moralkeule Auschwitz«2 um die Ohren gehauen zu kriegen.

Die Singularität des deutschen Verbrechens im und durch den zweiten Weltkrieg ist ebenso eindeutig wie seine Grausamkeit unbegreiflich. An dieser Stelle könnte jetzt eine lange Aufzählung von in Nummern gepressten Opfern der deutschen Taten folgen. Jedoch halten wir es für problematisch historische »Verbrechen« nur nach der Masse an toten Menschen qualitativ fassen zu wollen. Durch solcherlei Aufzählungen wird eine Entpolitisierung ausdrücklich politischer Geschehen vorangetrieben und einem falsch verstandenen »Antitotalitarismus«, der die ermordeten Jüd_innen z.B. mit den Opfern des Stalinismus auszugleichen versucht Tür und Tor geöffnet. Natürlich ist das reine Ausmaß der Vernichtung Anlass genug, dem deutschen Handeln eine unerreichte Grausamkeit zuzusprechen – die Einzigartigkeit basiert aber eben nicht nur auf diesen Zahlen, sondern zwingend auch auf den dahinter stehenden gesellschaftlichen und ideologischen Voraussetzungen, die diese erst möglich gemacht haben. Hinter den unfassbaren Zahlen verbirgt sich ebenso unfassbares Leid. Vernichtungslager, Deportation, Euthanasie, Todesmärsche, Mord – mit diesen Vokabeln wird versucht, in Worte zu fassen, was für jeden und jede, die nicht Opfer waren, zum Glück nicht nachvollziehbar ist. Was jedoch klar ist: Es waren Deutsche, die dafür sorgten, dass der Antisemitismus in der Shoa sein bis dato mörderischtes Gesicht bekam und der zweite Weltkrieg stattfand. Es waren Deutsche, die aktiv mitmachten und aktiv wegschauten, und eben nicht nur eine klandestine Führungselite, die über den Kopf der Bevölkerung hinweg handelte.

Seit Kriegsende wird durch mannigfaltige Reflexe und Mechanismen die deutsche Vergangenheit geleugnet, relativiert oder auch instrumentalisiert. Die Leugner_innen gehen dabei am plumpesten vor; in ihrer Weltsicht gibt es die Shoa einfach nicht. Solcherlei Aussagen sind strafbar, also auch vom gesellschaftlichen Durchschnittsbewusstsein und dem Staat geächtet und rechtlich nicht erlaubt – im Verhältnis zu anderen Formen des Geschichtsrevisionismus sind diese Positionen, wenn auch gefährlich und unbedingt anzugreifen, politisch verhältnismäßig unbedeutend.

Gesellschaftlich relevanter ist der Umgang der bürgerlichen Mitte mit der jüngeren Geschichte. War die Zeit unmittelbar nach dem Kriegsende geprägt von Ausweichmanövern und völligem Ausblenden der deutschen Schuld in öffentlichen Diskursen, so findet spätestens seit dem rot-grünen Regierungsbündnis von 1998 eine rege Auseinandersetzung über das dritte Reich statt, in der es zum guten Ton gehört, die Schuld der Nazis am zweiten Weltkrieg und der Shoa anzuerkennen. In der Öffentlichkeit wird betont, dass Deutschland sich ausgiebig mit seiner Geschichte auseinandergesetzt und daraus gelernt habe – so kann es sich als geläutert und moralisch wiederhergestellt oder sogar gebessert präsentieren. Auf diese Weise schaffen es die deutschen Geschichtsschreiber_innen, selbst aus einem Verbrechen wie Auschwitz noch ein pädagogisch sinnvolles Lehrstück zu machen. Diese Schuldgeständnisse deutscher Politiker_innen sind meist nicht mehr als sich stetig wiederholende Phrasen. In solchen Reden wird sich nicht ansatzweise mit deutscher Täterschaft beschäftigt oder genauer hinterfragt, wie eine dermaßen wahnhafte Ideologie von nahezu einer ganzen Bevölkerung reproduziert und tätlich umgesetzt werden konnte. Insbesondere die zentrale Frage nach den gesellschaftlichen Ursachen und Bedingungen der Entwicklung des Nationalsozialismus geht in einem Meer detailgetreurer Auseinandersetzungen mit Hitlers Helfern, Frauen und Haustieren in der Öffentlichkeit systematisch unter. Doch auch ohne solcherlei alberne Reportagen dient diese Ausblendung kritischer Gesellschaftsanalyse ganz klar machtpolitischen und ideologischen Zwecken.

Gleichzeitig wird mit dieser unzureichenden Beschäftigung mit der Vergangenheit der Weg geebnet, alle irgendwie als Opfer zu sehen. Krieg sei ja für alle Beteiligten schlimm und die Zivilbevölkerung habe auch immer zu leiden und Kriegsverbrechen seien ja auch von allen Seiten begangen worden. Der zweite Weltkrieg und die Shoa werden so zu einer »europäischen Erfahrung«,in der alle ein bisschen Täter und ein bisschen Opfer sind. Nicht nur offiziell politisch, sondern auf so gut wie allen Ebenen gesellschaftlichen Diskurses wird diese Relativierung vorangetrieben. Nur auf dieser Grundlage ist es zum Beispiel den sogenannten Vertriebenenverbänden möglich, mit absurden Sätzen wie »Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden«3 sogar noch Sympathien oder zumindest doch Toleranz zu erheischen. Und nur auf dieser Grundlage war es der rot-grünen Regierung möglich, nicht trotz, sondern wegen Auschwitz Krieg zu führen, wie 1999 den Kosovo-Krieg. Joschka Fischer, damaliger Außenminister, nutzte die deutsche Vergangenheit, um daraus eine »Verpflichtung« abzuleiten, sich überall auf der Welt »gegen Krieg, Gewalt, Extremismus und für Demokratie« einzusetzen. Der zweite Weltkrieg dient somit letztendlich als ideologische Basis, um der BRD die Legitimation zu verschaffen, wieder militärische Mittel zu nutzen und so auch wirtschaftliche Interessen besser durchsetzen zu können.

Auch im ganz normalen bürgerlichen Alltagsbewusstsein sind revisionistische Argumentations- und Denkmuster vielerorts an der Tagesordnung. Hat man sich doch als »Teil einer Nation« mit dieser zu identifizieren – und das funktioniert eben sehr viel besser, wenn man das mit einem guten Gewissen tut. Kollektives Aufatmen in der Nation der Schuldigen – die anderen waren auch böse, wir waren auch Opfer und immerhin übernehmen wir jetzt Verantwortung und versuchen, bei Fehlverhalten von Anderen zu intervenieren. So ist es möglich, mit gutem Gewissen bei der WM Fähnchen zu schwenken, für den Standort Deutschland zu arbeiten und die kollektive Identität zur eigenen zu machen. Sich als wiederhergestellter erneut souveräner Staat präsentieren zu wollen, begründet sich aber nicht einfach nur auf den Wunsch nach einem Kollektivbewussautatsein von beschädigten Individuen. Will eine Nation im weltweiten Kapitalismus bestehen, dann muss sie im Konkurrenzkampf anerkannt werden. Das Eingeständnis, am zweiten Weltkrieg und an Auschwitz Schuld zu haben und die damit einhergehende Möglichkeit, eigenen Opfern zu gedenken, dient also der politischen Rehabilitierung Deutschlands, welche wiederum dazu beiträgt, das Land ökonomisch konkurrenzfähiger zu machen. Es wird um ein Vielfaches einfacher, den eigenen Standort zu verteidigen, wirtschaftlich zu expandieren und sich wirtschaftlich, politisch und militärisch gegen Gegner durchzusetzen. Der Staat fungiert als »ideeller Gesamtkapitalist« und kümmert sich als dieser darum, dass die nationale Ökonomie so reibungslos wie möglich funktioniert – das geht natürlich sehr viel besser, wenn er von anderen Staaten als autark akzeptiert wird.

Wir allerdings werden auch weiterhin keinen Frieden mit der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft Deutschlands schließen. Im Gegenteil gilt es, sämtliche Zwangszusammenhänge zu überwinden und mit den gesellschaftlichen und ideologischen Grundlagen von Antisemitismus, Nationalismus und anderen Widerwärtigkeiten zu brechen.


  1. Wir verwenden in unseren Texten, wenn es um Geschlechtlichkeit geht, den Unterstrich, wie z.B. bei »Scheisspolizist_innen«, um die herrschende Zweigeschlechtlichkeit der deutschen Sprache aufzubrechen. So eröffnet der Unterstrich einen Raum für alle, die sich nicht den beiden Polen hegemonialer Geschlechtlichkeit unterordnen wollen. siehe dazu: A.G. Gender-Killer
  2. Martin Walser 1998 in seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche
  3. Aus der Charta der Heimatvertriebenen