Gesicht zeigen gegen Deutschland

Angela Merkel. Günther Grass. Nena. Sie alle verbindet eines: Die Feierlaune am Tag der Deutschen Einheit. Zum zwanzigsten Jubiläum der Wiedervereinigung Deutschlands feiert sich die BRD dieses Jahr vom 01. bis 03. Oktober ein ganzes Wochenende in der beschaulichen Hansestadt Bremen. Diese Feierlichkeiten sind kein Selbstzweck sondern dienen der Festigung des nationalen Zusammenhaltes und der Konstitution einer deutschen Identität. Durch die »Erfolgsgeschichte BRD« wird mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten der Ausgangspunkt für eine neue nationale Geschichtsschreibung gelegt, für die nicht mehr 1945 sondern 1989/90 zur »Stunde Null« wird: Nachdem Deutschland als »Aufarbeitungsweltmeister« Nationalsozialismus und DDR hinter sich gebracht hat, hat es scheinbar als (Vize)Exportweltmeister und als europäische Führungsnation seinen Platz in der Staatengemeinschaft gefunden. Mit dem Mythos der friedlichen Revolution von 1989 will sich die deutsche Bevölkerung selbst beweisen, dass sie -anders als im Nationalsozialismus- geschlossen für Freiheit und Demokratie aufzustehen vermag. »Du bist Deutschland«-Kampagne, Fußball-WM der Männer 2006 und 2010, »Wir sind Papst« und das »Wunder von Oslo« sind nur einige Beispiele für das »neue deutsche Wir-Gefühl«. Sie stehen für einen Nationalismus, der sich selbst als Party-Patriotismus verstanden wissen will und weitaus weniger agressiv und völkisch auftritt, als noch zu Anfang der 1990er Jahre. Doch egal wie sich Nationalismus äußert, er führt immer zur Aufwertung und Stabilisierung des eigenen und zur Ausgrenzung des fremden Kollektivs und verdeckt dabei die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft. Die im Kapitalismus der allgemeinen Konkurrenz unterworfenen Individuen versprechen sich von der bedingungslosen Identifikation mit dem nationalen Kollektiv und »ihrem« Staat ein wenig Ruhe und Entlastung vom Hauen und Stechen des kapitalistischen Alltags. Durch schwarz-rot-goldene Kriegsbemalung und das Schwenken von Deutschland-Fähnchen ändert sich zwar zunächst nichts an der materiellen Situation der Individuen, wie Arbeitszwang, Studiengebühren und Hartz IV. Es gibt aber zumindest für kurze Zeit das Gefühl, fernab von der konkreten Lebenssituation etwas Halt zu finden und zu etwas Größerem zu gehören. Die Identifikation mit dem Staat und die Unterordnung unter sein Interesse hat allerdings auch eine reale Grundlage. Im Kapitalismus sind die Bürger_innen und Bürger objektiv abhängig vom Abschneiden ihres Staates in der Konkurrenz. Je besser ihr Staat sich auf dem Weltmarkt schlägt, desto mehr Geld steht als Verteilungsmasse zu Verfügung. Im Moment zeigt die Weltmarktkonjunktur dies auf besonders anschauliche Weise: Die »Pleitegriechen«, so das einheitliche Erklärungsmuster von BILD über Feuilleton bis ins Regierungslager, haben lange Zeit über ihre Verhältnissen gelebt und müssen jetzt die Folgen von Verschwendung, Missmanagement und Korruption tragen. Nicht nur, dass mit dieser Erklärung die systematische Krisenhaftigkeit des Kapitalismus ignoriert wird, mit ihr lässt sich auch ein Appell an die deutsche Bevölkerung richten: In Zeiten der Krise muss alternativlos der Gürtel enger geschnallt werden.

Doch die schnöde Versicherung, Teil einer nationalen Gemeinschaft zu sein, ist keine vernünftige Antwort auf die Unerträglichkeit des Kapitalismus. Wir wollen eine Gesellschaft jenseits von Ausbeutung und Konkurrenz. Diese Gesellschaft ist nicht mit Staat, Nation und Kapital zu haben. Die Feier der Nation bedeutet einen Angriff auf das schöne Leben. Geben wir diesem Angriff die passende Antwort.